Praxisbeispiel Folge 29
Die Bank im Hobbyraum

Elke Schmidt hat die Sparkasse in Ochsenbach, Kreis Ludwigsburg, bei sich daheim im Hobbykeller. Aber nicht mehr lang.

Stuttgarter Zeitung, 17. Januar 2014

Die Bank im Hobbyraum

Geld. Ziemlich ab vom Schuss: die Filiale der Kreissparkasse Ludwigsburg in Ochsenbach hat keinen Anschluss ans Internet, aber dafür ist deren Leiterin Elke Schmidt im Dorf gut vernetzt. Am Anfang hatte sie Angst vor dem Job – wegen des Tresors direkt unterm Schlafzimmer.
Von Kathrin Haasis

Ochsenbach – Elke Schmidt kennt in Ochsenbach jeder. „Ich bin diejenige, wo die Sparkasse hat“, sagt die 62-Jährige. Wie jeden Werktag sitzt sie hinter einem großen Schreibtisch im Hobbyraum ihres Mannes, wobei ihr Mann dort schon lange keinen Platz mehr für seine Hobbys hat. Die Bank ist vor mehr als einem Vierteljahrhundert in das Zimmer gezogen. Draußen am Haus hängt das Sparkassenzeichen, ein Schild so groß wie ein Briefbogen, am Gartentor sind die Öffnungszeiten eingraviert. Der Weg zum Schalter führt an Blumenbeeten und Tomatenstöcken vorbei. „Ich bin offline, ich bin nicht mehr aktuell“, sagt Elke Schmidt. Ihre Filiale ist genauso ab vom Schuss wie der Sachsenheimer Ortsteil Ochsenbach mit seinen 824 Einwohnern: Sie hat weder Anschluss ans Internet noch an das Kassenprogramm der Kreissparkasse Ludwigsburg.

 „Bitte klingeln“, steht an der Metalltüre zu dem Hobbyraum. Von der Bank hat Elke Schmidt den Einbau eines Spions verlangt. Der Schreibtisch und ein Tresor zählen zur Ausstattung, ein Telefon, ein Fax sowie eine Buchungsmaschine der Anker-Werke, die nach 100-jähriger Firmengeschichte 1976 in Konkurs gingen. Die aktuelle Jahreszahl kann man im Gerät nicht mehr einstellen, so weit in die Zukunft war es nicht ausgelegt, und das Euro-Zeichen hat es auch nicht auf dem Kasten. Dafür war die Anker immer zuverlässig – bis sie kürzlich sperrte. „Aber der Bäbber von Herrn Michel mit seiner Nummer war zum Glück noch drauf“, erzählt Elke Schmidt. „Ganz unten ist ein roter Knopf, drücken Sie den mal“, erklärte ihr der frühere Vertreter am Telefon. „Dabei ist der Herr Michel längst im Ruhestand und bestimmt weit über 70.“ Auf der grauen Maschine kleben ansonsten zwei Osterhasen, als Gag, seit einer Ewigkeit.

„In Ochsenbach haben wir eine Ausnahme von der Corporate Identity gemacht“, sagt Markus Zimmermann. Eigentlich ist jede Filiale gleich ausgestattet, erklärt der Regionaldirektor. 119 Zweigstellen betreibt die Kreissparkasse Ludwigsburg, weil „persönliche Nähe“ zur Strategie des öffentlich-rechtlichen Geldinstituts gehört. An der nördlichen Kreisgrenze befinden sich zwei Sonderfälle: die Hobbyraumfiliale von Ochsenbach und ein Wohnzimmerschalter in ­Prevorst. In der Nähe von Oberstenfeld versieht die 76-jährige Ilse Oettinger-Fischer das nebenamtliche Bankgeschäft. In anderen Kreisen ist dieses Modell längst ausgelaufen: Die Waiblinger Kollegen schlossen anno 2002 die letzte Zweigstelle dieser Art in Berglen-Bretzenacker, in den Kreisen Esslingen und Böblingen wurden sie schon im Jahrtausend zuvor aufgegeben.

Eine alte Anker-Maschine für die Abrechnungen

Birgit, komm rein“, ruft Elke Schmidt in den Garten hinaus. Einen Stempel will die Frau auf ihr Überweisungsformular sowie Bargeld. „Ich bin heilfroh, dass es dich gibt, Elke“, sagt die Kundin, „sonst müsste ich ständig durch die Gegend fahren.“ Die Sparkassen-Mitarbeiterin kann auch Konten eröffnen oder Daueraufträge einrichten. Mit der Anker-Maschine füllt sie die Ein- und Auszahlungsbelege aus, am Ende des Tages kommt ein Abrechnungsstreifen heraus, zur Kontrolle. Anspruchsvollere Beratungen übernehmen ihre ausgebildeten Kollegen. Als Kontoristin arbeitete Elke Schmidt früher in einer Firma für Blechbearbeitung. „Ich bin wegrationalisiert worden, wie man so sagt.“ Da kam es gelegen, dass ihre Vorgängerin 1986 das Bankgeschäft altershalber aufgab. „Mein Mann sagte, mach das“, erzählt sie, „aber so viel Geld im Haus? Dagegen habe ich mich gesträubt.“ Am Anfang schlief sie unruhig im Schlafzimmer direkt über dem Hobbyraum.

Ochsenbach liegt auf einem Bergrücken, an der Dorfstraße reiht sich ein Fachwerkhaus an das nächste. Es gibt einen Landgasthof und einen Metzger, der Laden vom Bäcker steht leer, seit er in Rente gegangen ist. Wenn es schneit, bleibt der Bus oft stecken, und es kann ein paar Stunden dauern, bis der Streuwagen den Weg frei gemacht hat. Elke Schmidt hat erlebt, dass Neuzugezogene wieder ihre Sachen packten, ein paar Bauplätze im Ort liegen seit Jahren brach. „Für mich ist es optimal, ich bin hier aufgewachsen“, sagt sie, „aber für alles braucht man ein Auto.“ Ihre beiden Töchter hat es nach Ingersheim und Ulm verschlagen.

Das Haus ihrer Familie ist Baujahr 1837, es war einst eine Schnapsbrennerei. In dem ­Hobbyraum stehen drei antike Bauernschränke, dafür hat sie ein Faible. „Ich wusste ja, wenn Leute sich neu einrichten wollten“, sagt Elke Schmidt. Sie und ihr Mann sind Mitglieder im örtlichen Turnverein, im Sportverein und bei den Schützen. Im Kindergarten hilft sie bei der Betreuung, die Kleinen bekommen natürlich die „Knax“- Hefte der Kreissparkasse.

Am Puls des Dorfes

Der Regionaldirektor Markus Zimmermann nennt seine Mitarbeiterin „eine ­Akquisiteurin“. Bevor im Dorf jemand baut, kommt von ihr ein Hinweis an die Kundenberater. Oder wenn ein Haus verkauft wird oder es einen Erbfall gibt. Weil die Landwirte früher mehrheitlich zur Volks- und Raiffeisenbank gingen, die am Ort noch eine ordentliche Filiale unterhält, liegt der Marktanteil der Kreissparkasse in Ochsenbach bei 25 Prozent. Das entspricht etwa 200 Konten und reicht nicht für einen Computer mit Verbindung ins weltweite Netz. „So ein Anschluss kostet zwischen 600 und 700 Euro im Monat“, rechnet Markus Zimmermann vor, „dafür ist die Kundenfrequenz hier nicht hoch genug.

Elke Schmidt ist vor allem für die älteren Leute da, die bei ihr die Rente holen, auch Hausbesuche macht sie. Außerdem nutzen die örtlichen Betriebe ihre Dienste. Sie hat vormittags eine Stunde geöffnet und am Abend zwei für die Berufstätigen, außer mittwochs. Es kam noch kein einziges Mal vor, dass sie die Filiale wegen Krankheit nicht öffnen konnte. Nur wenn sie Urlaub hat, bleibt die Türe zum Hobbyraum geschlossen, dann hängt am Gartentor ein Schild. „Manche gehen nach Sachsenheim, wenn sie mit mir nicht können oder nicht wollen, dass ich Einblick habe“, sagt sie. Fremde kommen fast nie vorbei. Früher tauchten mal Sparkassen-Kunden aus Bietigheim-Bissingen bei ihr auf, Leute, die ihren Dispokredit überzogen hatten und hofften, im abgelegenen Ochsenbach Geld zu bekommen. Für solche Fälle nimmt Elke Schmidt jedoch die Bonitätssperrenliste zur Hand.

Der Wandel kommt

Bundesweit unterhalten die Sparkassen etwa 1700 Ein-Person-Filialen – die meisten allerdings gut vernetzt und nicht im Wohnhaus der Angestellten untergebracht. Mit ihren rund 12 600 Filialen stehen die Sparkassen auf Platz zwei hinter den Volks- und Raiffeisenbanken (13 500), was die örtliche Nähe angeht. Insgesamt schrumpfte die Zahl der Bankstellen von 71 700 im Jahr 1995 auf rund 41 500 im Jahr 2009. „Der Trend zum Online-Banking wird sich weiter beschleunigen“, erklärt dazu etwa die Deutsche Bank. Schon heute würden rund die Hälfte der Ludwigsburger Kunden das Internet für ihre Geldgeschäfte nutzen. Für die Beratung reichten zwei Niederlassungen im Kreisgebiet aus. Die Kreissparkasse Werra-Meißner in Nordhessen machte andere Erfahrungen: Nachdem von 40 Zweigstellen die Hälfte geschlossen wurde, ging viel Geschäft verloren. Seit 2009 ist deshalb die Überland-Sparkasse unterwegs, ein Spezial-Lastwagen, der im Turnus zehn Dörfer anfährt.

„Der Nächste, bitte!“, ruft Elke Schmidt in den Garten. Die junge Frau trägt ihr Baby auf dem Arm, sie will ein Überweisungsformular ­ausfüllen. „Das Online-Banking funktioniert bei mir heute nicht“, sagt sie. Einmal hatte es Elke Schmidt tatsächlich mit einem Bankräuber zu tun, Mitte der 1980er Jahre: Beim Spaziergehen im Wald schoben sie und ihr Mann einem Unbekannten das Auto an. Er kam ihnen seltsam vor. Sie meldeten das Kennzeichen der Polizei, die ihn dadurch erwischte. Der Mann hatte die Sparkasse im Nachbarort überfallen und gerade die Beute vergraben. „Wenn ich ängstlich wäre, hätte ich das Geschäft nicht machen können“, sagt Elke Schmidt. Spätestens in drei Jahren geht auch sie in Rente – und mit ihr die Sparkasse in Ochsenbach, vermutet sie. Ihr wird die Arbeit fehlen, das weiß sie jetzt schon, der Leute wegen. „Man sieht sich nicht mehr so im Dorf.“

Strukturwandel zum Staunen und Anfassen

Der Riesenschreibtisch und die Rechenmaschine wecken Assoziationen an Kindertage und Kaufmannsspiele. Brigitte Seibold (www.prozessbilder.de) hat die Szenerie als Kasperlbühne mit Nebendarstellern gezeichnet. 

Elke Schmidt als Original

Elke Schmidt hat nicht nur die Sparkasse, sie ist die Sparkasse von Ochsenbach. Sie dient nicht als Vehikel für „Strukturwandel“, sondern beseelt den Text. Wir erleben sie als trockene Realistin „ich bin nicht mehr aktuell“, als selbstbewusste Angestellte „hat den Einbau eines Spions verlangt“, als brave Gattin „Mein Mann sagte, mach das“, als furchtsame Geldverwalterin „schlief … unruhig im Schlafzimmer direkt über dem Hobbyraum“ und als vife Sammlerin von Bauernschränken „Ich wusste ja, wenn die Leute sich neu einrichten wollen“.

Elke Schmidt als Prototyp

Elke Schmidt ist in Ochsenbach aufgewachsen und hat hier ihre Kinder großgezogen. Beim Turnverein, in Schützen- und Sportverein ist sie dabei. Und bei aller Selbstständigkeit bleibt die Sparkassenlady doch stets auch Gattin. Der Ehemann hat keinen Vornamen, ist aber als Grundierung des Tableaus immer wieder sichtbar. Am Anfang – es ist ja sein Hobbyraum –, am Ende – im Zusammenhang mit der Bankräuber-Anekdote – und in der Mitte – er sagt „mach das“, und bei den Vereinen sind sie gemeinsam. Frau Schmidt sei der Prototyp der Schwäbin auf dem Lande, sagt die Zeichnerin Brigitte Seibold, selber Schwäbin vom Lande.

Drei Nebenfiguren

Regionaldirektor Zimmermann bleibt ein Mensch ohne Eigenschaften. Die Leser erfahren nicht einmal, dass Kathrin Haasis ihn im Hobbyraum realiter getroffen hat. Sie weist ihm die Rolle des Faktenlieferanten zu.
Zwei Kundinnen tätigen typische Bankgeschäfte: „Birgit“ holt Bargeld und die „Frau mit Baby“ will etwas überweisen. Die beiden stehen für Alltag in der Filiale, und bleiben als Personen ebenfalls blass. Haasis platziert sie in der Mitte und gegen Schluss des Textes.

Vorher-Nachher

Im Text können Leser miterleben, wie alles begann und voraussichtlich enden wird. Einerseits die individuelle Entwicklung von Elke Schmidt und ihrer Berufstätigkeit. Andererseits die Entwicklung der Filiale, die sie vor 28 Jahren übernahm und vermutlich schließen wird, wenn sie in drei Jahren in Rente geht. Das ist die Geschichte vom Strukturwandel am Beispiel der Sparkassen im ländlichen Raum. Das Vorher-Nachher ist Charakteristikum einer Story.

Heldin, Ort und Handlung

Die Wirkung des Textes beruht wesentlich auf der urigen Protagonistin und dem ungewöhnlichen Ort, den Leser unwillkürlich mit den ihnen bekannten Bankfilialen in Beziehung setzen. Dieser Ort wird nicht verlassen. Während einer Öffnungszeit kommen zwei Kundinnen. Rückblicke, Ausblicke und Hintergründe sind zwischen Szenen eingebettet. Heldin, Ort und Handlung sind Grundzutaten eines Dramas – und auch einer anständigen Geschichte.

Fakten

Die Absätze 3, 7 und 9 sind Fakten gewidmet. Schwerpunkte sind zunächst die Sparkassenfilialen im Kreis Ludwigsburg – Absatz 3 –, in der Mitte im Absatz 7 die Konkurrenz am Ort und die Rentabilität der Filiale Ochsenbach und schließlich in Absatz 9 die Zahlen zu Bankfilialen, Onlinebanking und zur Konkurrenz über die Region hinaus.

Abstrakt und konkret

Leserinnen wollen sich eingeladen fühlen und bequem einsteigen. Das funktioniert über eine überzeugende Person. Und/oder über einen charakteristischen Gegenstand. Selbst ein abstraktes Thema wie „Strukturwandel “ lässt sich so konkretisieren. Konkret ist, was man anfassen, was man zeichnen oder mit den Sinnen wahrnehmen kann, eine Buchungsmaschine oder ein Osterhasen-Aufkleber. Wo ein Text konkret ist, weckt er Assoziationen und Bilder bei seinen Lesern. Wo eine Autorin Abstraktum und Konkretion verbindet, schafft sie Verständnis für Zusammenhänge. Mit dem Instrument der Leiter – der Leiter des Erzählers – oder im amerikanischen ursprünglich „ladder of abstraction“ – lassen sich die Zwischenstufen finden und nachvollziehen.

Autorin

Kathrin Haasis

Kathrin Haasis, geboren 1971, schreibt am liebsten über Wein. Aber dann folgt sofort Lokales. In Marburg, Texas, Freiburg und Barcelona studierte sie Politikwissenschaft, Deutsche Literaturgeschichte und Spanisch. Nach dem Volontariat bei der Südwest Presse in Ulm ging sie zu den Stuttgarter Nachrichten. Zwischen 2002 und 2011 arbeitete sie selbstständig, seitdem ist sie wieder Redakteurin der Stuttgarter Zeitung.

Ich arbeite in der Ludwigsburger Redaktion der Stuttgarter Zeitung und kümmere mich dort um lokale Wirtschaftsthemen. Mit der Kreissparkasse habe ich immer wieder zu tun. Ich wusste, dass es solche kuriosen Filialen gibt, im Kreis Ludwigsburg sogar noch zwei. Der Pressesprecher hat dann den Kontakt zu Elke Schmidt hergestellt.

Bei dem ersten Treffen waren der Pressesprecher und der Regionaldirektor zugegen. Solche Personen, die normalerweise nicht da sind, verfälschen leider die Situation – zumal jeder etwas zu sagen hat. Frau Schmidt war davon etwas eingeschüchtert, hatte ich den Eindruck. Außerdem kam während dieser zwei Stunden kein einziger Kunde vorbei. Ich bin deshalb ein zweites Mal nach Ochsenbach gefahren – dieses Mal aber alleine. Wieder für rund zwei Stunden. Das hat sich gelohnt. Kundschaft kam vorbei und Frau Schmidt kam ins Reden. Um rund 200 Zeilen niveauvoll füllen zu können, braucht man Material, in diesem Fall Alltag.

Ich bin lange durch den Ort spaziert. In der Reportage geht es ja nicht nur um Frau Schmidt, sondern umden Strukturwandel im ländlichen Raum. Dass der Bäcker dort längst geschlossen hat, spielt deshalb auch eine Rolle. Aber der Strukturwandel ist nicht auf Ochsenbach beschränkt. Die Reportage-Seite, auf der die Geschichte erschienen ist, deckt das Ressort Stuttgart und Region ab. Deshalb habe ich die Kreissparkassen in den fünf Landkreisen rund um Stuttgart abtelefoniert, um herauszufinden, wo es solche Filialen sonst noch gibt. Bei dieser Recherche bin ich dann auch auf Sparkasse-Filialen in den Bussen gestoßen, die in Nordhessen im Einsatz sind. Außerdem habe ich noch bei der Deutschen Bank Ludwigsburg nachgeforscht. Mir ist es wichtig, dem Leser mehr als nur schöne Beschreibungen und Zitate zu liefern. Man soll die Geschichte einordnen können.