Elbe-Jeetzel-Zeitung, 9. November 2013

Bettys erstes Mal

Betty und Jean haben ein Date – Sie ist fast blind und geistig behindert, er angehender Sexualbegleiter.

Trebel. Betty ist 73 und Jungfrau. Noch nie hat ein Mann ihren nackten Körper gestreichelt. Betty ist fast blind und geistig behindert. Noch nie hat sie gespürt, wie das kribbelt im Bauch. „Ick hab Mut“, sagt Betty und nickt, „ick hab Mut.“

Es ist Freitagabend im Trebeler Gästehaus. An einem langen Tisch sitzen Behinderte und ihre Betreuer. Kerzen brennen, Kastanien liegen neben bunten Blättern auf der Tischplatte. Einige löffeln Kürbissuppe, andere stehen Schlange am Büfett. „Vorher müssen wir beten“, sagt ein Behinderter mit Bart und faltet die Hände. „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen.“

„Ich bin Lothar Sandfort und ich bin behindert“, sagt ein Mann, der in einem Rollstuhl sitzt. „Das sehen wir doch, wenn du da in deinem Rollstuhl hockst“, sagt der Bärtige. Sandfort ist Psychologe und leitet das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) in Trebel. Heute beginnt ein Erotik-Workshop. Behinderte, die sich nach Sex sehnen, treffen auf Sexualbegleiter in Ausbildung, die ihnen Sex gegen Bezahlung anbieten. „Wenn ihr ein Date haben wollt, müsst ihr zu dem Sexualbegleiter gehen und ihm oder ihr sagen, was ihr haben wollt“, sagt Sandfort, „ihr könnt Sex haben, müsst ihr aber nicht.“ Betty reißt den Kopf nach oben und lacht auf. „Ick freu mir schon“, sagt sie und ihre feuerrot gefärbten Locken wackeln hin und her.

Betty wünscht

Betty kommt aus Berlin-Kreuzberg. „Da schmeißen sie am 1. Mai Flaschen“, sagt sie. Seit Jahrzehnten wohnt sie in einem Behindertenheim in Brandenburg. Früher hat sie in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet, hat Haken an Möbel geschraubt. Seit acht Jahren ist Betty Rentnerin, bekommt 300 Euro im Monat. Sie kann kaum laufen. Langsam setzt sie einen Fuß vor den anderen, krümmt den Rücken, tastet sich an Tischen, Stühlen und Wänden entlang. Betty lebt gerne und redet viel. Ihre kratzige Stimme ist laut. Elf Ringe trägt sie an den Händen, Ohrringe, um den Hals baumelt eine Kette, an der ein großer Bernstein hängt. Wenn sie ihn ganz nah an ihr Auge hält, kann sie manchmal ein Glitzern sehen. Betty lässt sich von ihrem Betreuer ein zweites Glas Rotwein einschenken. „Ich trinke gerne.“ Betty wünscht sich einen Mann, der sie streichelt und massiert. „Ich will einen, der stark ist, und der sagt dann wahrscheinlich zu mir: ,Zieh dich aus, kleine Maus‘“, sagt sie.

Jean heißt eigentlich nicht Jean. Aber wenn der Mann aus Zürich als Sexualbegleiter unterwegs ist, nennt er sich so. Jean ist um die 60 und Mathematiklehrer. Seit einiger Zeit bietet er behinderten Frauen erotische Dienstleistungen an, massiert sie von oben bis unten, streichelt sie, erfüllt sexuelle Fantasien. „Sex ist nicht immer drin, denn dafür muss ich selbst erregt sein“, sagt er. Er spricht langsam und mit schweizerischem Akzent, zieht die Wörter lang, seine Stimme ist tief und sanft. Von der Sexualbegleitung hat Jean aus dem Radio erfahren. Jetzt ist er fast fertig mit der Ausbildung. Früher hätte Jean sich nicht vorstellen können, mit Behinderten Sex zu haben. Aber dann entdeckte er Tantra, lernte neue Seiten der Sexualität kennen. „Ich kann mich sehr gut einfühlen in die Situation der Behinderten, in ihre unerfüllten Sehnsüchte und das gibt mir unheimlich viel.“ Die Dienstleistung, die er anbietet und für die er 90 Euro in der Stunde bekommt, sei Prostitution, ja, aber keine mechanische Verrichtung von Bewegungen, sondern eine tiefe Begegnung zweier Menschen. „Es fällt mir leicht, diesen Menschen Zuwendung zu geben“, sagt er und streicht sich durch den weißen Schnauzbart. Gerne würde er offen damit umgehen, dass er Sex mit Behinderten hat, aber Jean muss vorsichtig sein. Als Lehrer ist es für ihn besonders gefährlich, er fürchtet das Unverständnis. Jean wünscht sich eine Welt ohne dieses Tabu. Seinen vier Kindern hat er davon erzählt, habe kein Doppelleben gewollt. Eine Frau, der er seine Mission gestehen müsste, gibt es nicht. „Guten Freunden habe ich es auch gesagt“, sagt er. Die Freundschaft hat ihm danach niemand gekündigt. In zwei Jahren will er raus aus dem Schuldienst, den er oft als Belastung empfindet.

Betty flirtet

„Ick hab Lust und ick hab Mut“, sagt Betty. Jean setzt sich neben sie. „Weißt du, wie alt ich bin?“, fragt sie ihn, „73 – manche sagen, dass ich jünger aussehe.“ –

„Ja, das finde ich auch“, sagt Jean. „Hattest du schon mal einen Mann?“ –

„Nein, nein, nie.“ –

„Ich habe vier Kinder und ich hatte eine Frau, aber jetzt bin ich geschieden.“ Er nimmt ihre Kette zwischen die Finger. „Ein Bernstein?“ –

„Ja, den habe ich mir in Zinnowitz gekauft.“ –

„Der ist sehr schön.“ Betty lacht, nimmt Jeans Hand und hält sie fest. „Wie heißt du?“ –

„Jean.“ –

„Jens?“ –

„Nein, Jean, das ist ein französischer Name.“ –

„Oh, französisch.“ Sie lacht auf. „Ich will den Mann fragen, ob er mich anfassen will.“ –

„Ich bin der Mann.“ –

„Aaaaah“, sagt sie und zieht die Augenbrauen hoch.

„Wir beide machen das“, sagt Jean.

„Von mir aus kannst du alles machen“, sagt sie, beugt sich zu ihm vor und kichert. „Aber das besprechen wir dann unter drei Augen“, sagt Betty. Sie hat nur ein Auge, das andere ist aus Glas. Sie zieht ihre Mundharmonika aus der Tasche und spielt. Weißt du, wie viel Sternlein stehen. „Das ist aber schön“, sagt Jean.

Bettys Betreuer Mirko hatte vorgeschlagen, nach Trebel zu fahren. In der Einrichtung, in der er arbeitet, gehen viele Mitarbeiter offen mit dem Thema Sex um. Mirko hat einen Arbeitskreis zum Thema gegründet, lädt Behinderte zu Männerrunden ein, veranstaltet Single-Diskos, bestellt Sexualbegleiterinnen in die Einrichtung. Seitdem reden Betreuer und Behinderte offener über das Thema. „Zum Glück ist die Leitung aufgeschlossen“, sagt er. Aus Trebel würden die Behinderten verändert zurückkehren: „Viele achten mehr auf ihr Äußeres, sind selbstbewusster, ruhiger, weniger aggressiv, tiefenentspannt.“

Betty sexelt

Am Sonnabendmorgen treffen sich die Behinderten ohne Betreuer mit Lothar Sandfort. Sie sitzen im Kreis. „Alles, was wir hier reden, bleibt geheim“, sagt Sandfort, „denn wir reden jetzt über Sex.“ –

„Das ist doch normal“, sagt Betty.

„Aber was wir hier machen, das ist nicht normal.“ –

„Im Hotel massieren sie doch auch.“ –

„Aber im Hotel geht es um die Muskulatur, hier geht es um das Gefühl im Kopf – wenn es im Bauch und in der Scheide kribbelt, dann ist das Erotik“, sagt Sandfort. „Wenn du ein Date mit Jean haben willst, dann musst du das sagen, du musst dir vorher ein paar Gedanken machen und sagen, was du willst und was du nicht willst“, sagt er.

„Ich will, dass er es mir macht, das habe ich ihm schon gesagt“, sagt Betty. „Das ist gut, aber es hört sich so an, als würdest du zum Schuster gehen, um eine neue Sohle an den Schuh machen zu lassen. Du musst schauen, dass es dir dabei gut geht und du musst auch schauen, dass es Jean gut geht.“ Sie sprechen über Kondome und darüber, dass beim Sex Kinder entstehen können, über Aids und andere Krankheiten. „Mit Sex ist das so, dass beide Partner etwas geben und etwas bekommen“, sagt Sandfort, „wir wollen hier kein Bordell sein, sondern wir wollen, dass die, die zu uns kommen, etwas für das richtige Leben lernen. Wenn ihr eine Freundin habt, dann müsst ihr sie ja auch fragen, was sie mag und was nicht.“

Ein paar Stunden später gibt es Tantra-Übungen. Die Behinderten lassen sich massieren und streicheln, liegen auf dem Boden im sanften Licht, genießen die Berührungen. Am Abend haben Betty und Jean ihr Date. Er zieht sie aus, massiert sie. Betty genießt und will ein zweites Date. „Ich will sexeln“, sagt sie und lacht los. Am Sonntag gibt es das zweite Date. „Ich hatte einen Mann“, sagt Betty, als es zurück nach Brandenburg geht. Betty ist 73, fast blind, geistig behindert. Und keine Jungfrau.

Wie Benjamin Piel aus der behinderten Betty eine herzergreifende Heldin macht

Betty und ihre Helfer. Alle Infos werden über vier Personen vermittelt. Illustration Brigitte Seibold (www.prozessbilder.de)

 

Die Hauptfigur

Betty verfügt über Merkmale, die Protagonisten klassischen Heldengeschichten im Hollywood-Stil ausmachen: Sie verspürt einen Mangel und bricht auf, diesen Mangel zu beheben. Sie verfügt über Mut und wilde Entschlossenheit. Sie begegnet Hindernissen auf dem Weg zum Ziel (die eher in der Vergangenheit liegen). Sie hat verlässliche Helfer an ihrer Seite. Und Eigenschaften, die ihr die Sympathie der Leser versichern: Lebenslust und eine entwaffnend direkte Schnauze. Betty ist die Heldin des Textes, die uns in Spannung hält und uns durch das Wochenende führt. Wird sie Jean dahin bringen, „dass er es mir macht“?

Nebenfiguren

Betty hat drei Helfer: Jean, ihren Sexualbegleiter für das Wochenende. Lothar Sandfort, die Erotik-Workshops organisiert und Sexualbegleitern und Behinderten Grundhaltungen für erotische Abenteuer vermittelt, also den Rahmen für stimmige und beglückende Erfahrungen schafft. Und Mirko, Bettys Betreuer in ihrer Behinderten-Einrichtung, der das Thema Sexualität als Betreuer-Profi kommentiert. Die Zeichnung von Brigitte Seibold oben zeigt das Teil-Szenario, das Benjamin Piel aus einem ganzen Wochenende mit zwei Dutzend Personen destilliert. Eine vierte Nebenfigur bringt er im zweiten Absatz des Textes – ein „Behinderter mit Bart“. Er hat die Funktion, die heitere Stimmung der Zusammenkunft schon gleich anzuzeigen.

 

Betty öffnet Herzen

Betty ist nicht repräsentativ für die Gruppe von Behinderten, die in Trebel im Erotik-Workshop zusammentreffen. Aber Bettys unverblümtes Begehren öffnet Herzen. Wer wollte ihr die Erfüllung ihres Wunsches verwehren? Wer wollte die Berechtigung ihres Anliegens bestreiten? Und wenn man soweit mitgeht – muss man natürlich auch behinderten Männern ihre Wünsche und deren Erfüllung zugestehen. Betty ist so gesehen eine Agentin, die Leser fasziniert, einwickelt und ihnen eine Haltung fast zwingend nahelegt. Zu einem Thema, über das die meisten vermutlich noch wenig nachgedacht haben.

 

Erzählen

Die Bekanntschaft mit Betty hat den Autor umgehauen. Davon erzählt er im Making of. Seine große Leistung besteht darin, dass er die Leser an dieser Erfahrung teilhaben lässt. Dass er seiner Wahrnehmung traut und eine Form und Sprache findet, sie weiterzugeben. Er erzählt, ganz im Sinne Walter Benjamins: Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung; aus der eigenen oder berichteten. Und er macht es wiederum zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuhören. Die Leser der Elbe-Jeetzel-Zeitung werden Betty so schnell nicht vergessen. Betty schenkt erst Benjamin Piel und er den Lesern eine neue Perspektive und die Chance, ihr Weltbild zu erweitern.

 

Informieren

Die Eigenart des Textes tritt noch deutlicher hervor, wenn man ihn mit einem anderen Text kontrastiert. Spiegel Online hat im August 2012 über die registrierte Prostituierte Deva Busha Glöckner geschrieben, die Lothar Sandfort ebenfalls zur Sexualbegleiterin ausgebildet hat. Glöckner spricht über diese Ausbildung und ihre behinderte männliche Kundschaft. Der Text bietet Hintergrund, Fakten, und benennt – anders als die Betty-Geschichte – die Gegenposition zu Sandforts Konzept: Der zahlende Kunde hat nämlich kein Recht auf bestimmte Leistungen. Die Leser des Spiegel nehmen Informationen auf. Informationen richten sich an den Verstand. Geschichten sprechen darüber hinaus zum Herz. Lernen ohne Herz und Emotion ist im menschlichen Organismus nicht vorgesehen.

 

Ausgelagerte Fakten

Benjamin Piel hat Lothar Sandfort Fragen zur Sache gestellt und als Interview auf dieselben Seite gesetzt. Da geht es um den Unterschied zur traditionellen Prostitution, um den Umgang mit Sex in Behinderten-Einrichtungen, um die Motive von Sex-Betreuerinnen. Und um die Frage, ob ein offensiverer Umgang mit dem Thema Sexualität bewirken könnte, dass es weniger Vergewaltigungen durch behinderte Männer (wie in Lüchow-Dannenberg im Juli 2013) gibt.

Autor

Benjamin Piel

Benjamin Piel, geboren 1984 in Hagen (Westfalen), ist seit Mai 2012 Redakteur der „Elbe-Jeetzel-Zeitung“ (Landkreis Lüchow-Dannenberg), seit 2015 zusammen mit Jens Feuerriegel Chefredakteur.
Er volontierte 2010 bis 2011 bei der „Schweriner Volkszeitung“. Für seine Betty wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis 2014 ausgezeichnet.

 

Ein Gespräch mit Benjamin Piel über seinen Text „Bettys erstes Mal“, geführt im Mai 2014

 

Herr Piel, gab es einen speziellen Anlass, den Erotik-Workshop des Instituts zur Selbst-Bestimmung Behinderter zu besuchen?

Es gab eigentlich zwei. Ich habe zufällig von Lothar Sandforts Institut erfahren, bin hellhörig geworden und habe ihn angesprochen. Das war vor eineinhalb Jahren. Damals war Sandfort sehr zurückhaltend, es hatte hier in der Vergangenheit schon Probleme mit dem Thema gegeben. Er war an Öffentlichkeit nicht interessiert, zumindest nicht in der Regionalzeitung. Und dann gab es eine Vergewaltigung hier in der Region. Ein geistig Behinderter hat eine Joggerin vergewaltigt. Da hat Sandfort sich gemeldet und gefragt, ob das nicht ein Anlass wäre, das Thema aufzugreifen, weil es ja unmittelbar um den Umgang mit Sexualität bei Behinderten ging. Und das war die Hintertür, durch die ich reingekommen bin.

Wie ging es Ihnen mit dem Thema?

Ich hatte im Vergleich zu anderen Terminen eine sehr große Anspannung. Die hat sich erst nach ein paar Stunden gelöst. Ich habe mich ein Stück weit überwinden müssen, mich mit dem Thema und den Leuten auseinanderzusetzen.

Was haben Sie erlebt?

Da waren ganz tolle Leute, und es war ein super Wochenende mit viel Humor. Ich habe eine selten große Überraschung erlebt. Dass die Auseinandersetzung mit Sexualität so natürlich war, hätte ich mir nicht vorgestellt. Das Thema hat mich persönlich so berührt, dass ich meine Einstellung zum Thema Behinderung verändert habe.

Inwiefern?

Ich habe erlebt, dass man nicht mit Ernst und Betroffenheit an das Thema Behinderung rangehen muss. Wie locker damit umgegangen wurde, das war für mich das Erstaunlichste an diesem Wochenende. Und dann Betty. Die ist eine so lebensfrohe Frau, die hatte sogar als Person eine gewisse Attraktivität für mich – als 73 Jahre alte behinderte Frau – das hat mich ziemlich umgehauen.

Und damit hatten Sie Ihre Hauptfigur!

Das ging schnell, ja. Lothar Sandfort hatte mich zuvor gefragt, ob ich ein Vorgespräch möchte, oder ob er mir jemanden suchen soll. Das wollte ich nicht, ich wollte unbefangen reingehen und selbst gucken. Betty stach stark heraus, sie ist sehr laut und redet eigentlich ununterbrochen. Dann hat sie ihre Mundharmonika rausgeholt – da war eben Leben! Es war nach fünf Minuten klar, dass sie meine Hauptfigur ist.