Praxisbeispiel Folge 35
Pegida

Pegida. EIn Phänomen wächst von null auf 20.000 Menschen in zwei Monaten. Wie kann das geschehen?

Sächsische Zeitung, 22. Dezember 2014

Pegida – wie alles begann

Ohne Facebook und ohne Kontakte in die Sport-und Partyszene hätten Lutz Bachmann und seine Freunde es kaum geschafft, die Massen zu bewegen. Auch die Dresdner FDP spielt eine Rolle

Von Ulrich Wolf, Alexander Schneider und Tobias Wolf

Das Wetter ist herrlich an diesem frühen Abend, als Lutz Bachmann durch die Dresdner Innenstadt spaziert. Fast wolkenloser Himmel, tagsüber waren es über 20 Grad und das am 10. Oktober. Die Welt hätte so schön sein können, wäre da nicht dieser Krach in der Prager Straße gewesen. Eine Frau mit schriller Stimme schreit in ein Megafon, fordert Waffenlieferungen für die kurdische PKK im Kampf gegen islamische Terroristen. Rote Fahnen wehen, Trillerpfeifen trillern. Bachmann filmt die Szenerie mit dem Handy. Es sind die Geburtsminuten der Pegida-Bewegung.

Wochen später wird Lutz Bachmann dem Fernsehableger des rechtskonservativen Blattes Junge Freiheit ein Interview geben. Auf die Frage, wann denn alles begann, wird der 41-Jährige auf eben diese Demonstration verweisen: „Da haben 2 000 Menschen, so schätze ich, für Waffenlieferungen an die PKK demonstriert, also an eine verfassungsfeindliche terroristische Organisation.“ Zwar hatte die Polizei nur 350 Teilnehmer gezählt, Bachmann aber trommelte einige Freunde in ein griechisches Restaurant zusammen, um zu überlegen, was man tun könne gegen die Islamisierung. „Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, über Facebook darüber aufzuklären.“

Facebook ist wichtig. Ohne dieses soziale Netzwerk wäre der rasante Erfolg von Pegida nicht möglich gewesen. Und Freunde. Auch die sind wichtig. Die auf Facebook, klar, aber auch die im realen Leben. „90 Prozent ist engster Freundeskreis“, sagte Bachmann dem Fernsehteam der Jungen Freiheit auf die Frage, wer zum Organisationsteam der Pegida gehört.

Seine Frau Vicky gehört dazu, 31, wie ihr Mann in der Werbebranche unterwegs, erfolgreiche Halbprofi-Tänzerin, eng befreundet mit einer erfolgreichen Friseurin, die im Freitaler Stadtrat sitzt.
Thomas Hiemann, 44, zweifacher Familienvater, Mitglied des Eishockeyfanclubs „Goldkufen“, der in der Nordkurve des Dresdner Bundesligateams Eislöwen Stimmung macht. Dort rufen ihn alle nur „Hiemännel“.
Ingo Friedemann, 46, ein Moritzburger. Er war bis zum März dieses Jahres Geschäftsführer des türkischen Bads „Der kleine Muck“, versehen mit Ornamenten und Symbolen aus dem Morgenland. Er arbeitete schon mit der Dresdner Marketinggesellschaft zusammen, war Vorstand im örtlichen Sportförderverein. Vor einem Dreivierteljahr erstickte das Dampfbad in der Pleite, seitdem schlägt sich Friedemann als Ein-Mann-Dienstleister mit Hausmeister-Jobs und Gastronomiebetreuung durch.
René Jahn, 49, ein Dresdner, der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin einen Hausmeisterservice führt. Von der Polytechnischen Oberschule ging es über die Betriebsberufsschule des VEB Edelstahlwerk in Freital zur Unteroffiziersschule der Nationalen Volksarmee im vorpommerischen Eggesin. In einem Porträt über auswärtige Fans des Eishockeyclubs Eisbären schreibt der Berliner Tagesspiegel über Jahn: „Als Soldat war er zu DDR-Zeiten in Berlin, schon 1987 war er im Sportforum bei Spielen des Vorgängerclubs Dynamo zu Gast.“ Er, Jahn, glaube, „dass das Ostding eine Rolle spielt, das ist Kult“.
Kathrin Oertel, 36, ging wie Lutz Bachmann in Coswig zur Schule. Der Bild-Zeitung sagte sie, sie sei Wirtschaftsberaterin und dreifache Mutter.

Fünf an und für sich apolitische Bachmann-Freunde, mitten aus dem Leben, mit mehr oder minder großen Schwierigkeiten zurechtzukommen im Alltag. Mitnichten klassische Neonazis. Was sie bisher einte – so ist ihren Internetbotschaften zu entnehmen –, ist die Lust auf Spaß in der Dresdner Partyszene und die Begeisterung für Sport. Jetzt organisieren sie gemeinsam den Straßenprotest mit dem Ziel, vor der drohenden Islamisierung zu warnen. Man sei dann aufgefordert worden, mal Präsenz zu zeigen, sagte Bachmann der Jungen Freiheit. Von wem, sagt er nicht. Wie in der Partyszene üblich, verabredete man sich auch auf Facebook: „Wir wollen gemeinsam auf die Straße gehen, um gegen die Glaubens-und Stellvertreterkriege zu demonstrieren, die Zug um Zug auf unseren friedlichen deutschen Boden gebracht werden“, heißt es da. Man treffe sich am 20. Oktober, kurz vor 18 Uhr an der Frauenkirche. „Von da startet unsere Demo.“ Gut die Hälfte der letztendlich 350 Teilnehmer meldete sich auf Facebook an.

Das Schmuddel-Image, das Pegida anhaftet, es hat auch mit dieser ersten Demo zu tun. So sagte ein Mann zu, der bereits einige der großen Nazi-Proteste rund um 13. Februar in Dresden organisiert hatte. Ein anderer unterstützte öffentlich die von Rechtsextremen organisierten „Lichtelläufe“ in Schneeberg. Auch ein ehemaliger NPD-Landtagsabgeordneter findet sich in der Liste, gewaltbereite Hardcore-Fans von Dynamo Dresden sind ebenfalls darunter. Auch Tom B., der Anmelder des „PegidaWeihnachtlieder-Singen“ am heutigen Montag vor der Semperoper, war dabei: ein muskelbepackter Mann, der die Verpflichtung des algerischen Stürmers Mohamed Amine Aoudia durch Dynamo Dresden im Internet mit dem Satz kommentierte: „Der Waffenhändler ist da!!“

Allerdings steht auf der Liste auch ein Mitarbeiter eines großen Dresdner ChipProduzenten, der Inhaber eines der teuersten italienischen Restaurants in Dresden, ein stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD. Vorstandsmitglieder kleinerer Fußballvereine sind dabei und sogar ein ehemaliger Fanprojekt-Leiter, der mit dem Antirassismus-Preis des Deutschen Fußballbundes ausgezeichnet worden war, später aber seinen Job wegen allzu rechtsextremer Äußerungen wieder abgeben musste . Viele kennen sich aus ihrer Zeit auf Beruflichen Schulzentren, feiern regelmäßig im „Kraftwerk Mitte“, sind Gäste auf Veranstaltungen wie „Disco Total“ oder „Thekenschlampenparty“. Spaß und Sport stehen im Vordergrund, zwei Szenen, die übers Internet tausendfache Kontakte ermöglichen.

Eine besondere Schnittmenge bildet das Radebeuler Football-Team Suburbian Foxes. Der Sponsor der Mannschaft, ein Gastwirt, sagt, Lutz Bachmann sei zwar mal sein Freund gewesen, dann aber habe es „einen Vorfall“ gegeben, „seitdem sind wir getrennt“. Mit Pegida habe er „nichts am Hut“.

Der Suburbian-Verteidiger mit der Rückennummer 64 hingegen schon: Siegfried Däbritz, 39, gehört zum harten Kern von Pegida. Er kümmert sich laut Bild bei den Demos mit um die Ordner. „Secty“, wie er sich auch nennt, war bei Bachmanns standesamtlicher Hochzeit dabei, ist Motorradfreak und kandidierte 2009 als Stadtrat für die FDP. Nach Angaben der Dresdner Staatsanwaltschaft hat er ein „abgeschlossenes Strafverfahren“ hinter sich gebracht.

Die Suche nach der Welt des Siegfried Däbritz führt nach Meißen. Nahe dem Weihnachtsmarkt liegt die Pension „Altstadtherberge“, die er gemeinsam mit seinen Eltern führt. Sein Vater, ein integrer Mann, der lange für die FDP im Stadtrat saß und im Fasching Talent als Büttenredner bewies, will nicht sprechen über Pegida und das Engagement seines Sohns. Die Haustür knallt er schnell wieder zu.

Auch der zweite Meißner aus dem Pegida-Organisationsteam, Thomas Tallacker, mag die Suburbian Foxes. Der 46 Jahre alte Innenausstatter saß für die CDU im Stadtrat. Bereits vor einem Jahr begann ein Parteiausschlussverfahren, weil Tallacker auf Facebook Dampf abließ und Sätze wie „als deutscher brauchst ein Visum wenn du ins Freibad willst …“ schrieb. Die NPD bot ihm einen Parteiwechsel an. Seit einem schweren Motorradunfall Tallackers ruht das Ausschlussverfahren. Im September hatte das Dresdner Amtsgericht den bis dahin unbescholtenen Meißner wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Es war ein handgreiflicher Streit in der Baubranche, es ging ums Geld.

Trockenbauer, Monteure, Fliesenleger. Versicherungsvertreter und Finanzvertriebler. Fußballfans, Discohelden, Auto- und Motorradfreaks. Friseurinnen, Kosmetikerinnen, Tattoo- und Nagelstudiokunden. Mitläufer aus der Nazi-Szene, ein paar versprengte AfDler. Das war die überwiegende Klientel jener rund 900 Menschen, die auf der dritten Pegida-Demo am 3. November mitliefen.

Danach muss etwas passiert sein. Der vierte Spaziergang lockte mit 2 000 Teilnehmern mehr Leute an als alle drei Protestmärsche zuvor.

Lag das an dem, was sich am 6. November im Raum „Adagio“ des Hotels Holiday Inn in Dresden abspielte? Die FDP-nahe Wilhelm-Külz-Stiftung hatte zu einer Lesung geladen. Gast war der deutsch-türkische Autor Akif Pirinçci, der in seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ abrechnet mit Gutmenschen und vaterlosen Gesellen, die von Familie und Heimat nichts wissen wollten, mit einer verwirrten Öffentlichkeit, die jede sexuelle Abseitigkeit vergöttere, mit Feminismus und Gender Mainstreaming, mit dem sich angeblich immer aggressiver ausbreitenden Islam und seinen deutschen Unterstützern. Pirinçci ist eine Art Thilo Sarrazin mit Migrationshintergrund. Unter den Gästen ist an jenem Abend auch Pegida-Mann Däbritz. Auf seiner Facebook-Seite war vor wenigen Tagen noch ein Foto platziert: Bekleidet mit schwarzem T-Shirt, auf dem die Aufschrift „Gutmensch“ durchgestrichen ist, hält Däbritz Pirinçcis Buch hoch.

Auch einige lokale FDP-Politiker applaudierten eifrig dem Provokateur. Sie lassen ihn geifern: „In Deutschland können nur noch Behinderte Politiker werden.“ Eigentümer des Hotels ist der ehemalige Stadtchef der Dresdner FDP und heutige Tourismusverbandsvorsitzende Johannes Lohmeyer.

Im Video der Jungen Freiheit sagt Pegida-Erfinder Bachmann weiter, außer dem engsten Freundeskreis gehörten zum Organisationsteam „auch bekannte Persönlichkeiten aus Dresden, weswegen wir gerade so einen Zulauf aus der bürgerlichen Mitte haben.“ Etwa aus der FDP? Der Einzige, der sich aus der Partei bislang offen zu Bachmann bekennt, ist Ex-Stadtrat Burkhard Vester. Er bestätigt, dass Bachmann für sein Unternehmen, eine große Reinigungsfirma, Werbung gemacht hat, „ordentlich und kreativ“. Die Inhalte der Pegida-Bewegung hält Vester für „richtig und sinnvoll“. Deutschland habe keine vernünftige Asylpolitik, und Bachmann „rüttelt das Bewusstsein dafür wach“.

Dass der gelernte Koch und spätere Werbedesigner bei den Liberalen zumindest nicht durchweg auf Antipathien stößt, zeigt auch eine Diskussion auf der Facebook-Seite der Dresdner FDP Anfang Dezember. Pegida mobilisiert zu dieser Zeit bereits Tausende Menschen. Als in dem Chat der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Jan Mücke, die Integrität Bachmanns wegen dessen Vorstrafen infrage stellt, kontert Tourismuschef Lohmeyer: „Ach ja, jemandem nach Verbüßen seiner Strafe gebetsmühlenartig seine kriminelle Vergangenheit vorzuhalten, sollten sich Mitglieder einer Partei verkneifen, die über viele Jahre einen verurteilten Steuerhinterzieher als Bundes- und Ehrenvorsitzenden hatte.“ Auf SZ-Nachfrage räumt Lohmeyer zwar ein, Bachmanns Vergangenheit sei kein Ruhmesblatt. „Aber das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.“ Solange die Bewegung sich an die Gesetze halte, „sollte es möglich sein, Meinungen auszuhalten, die einem selber nicht passen“.

In die FDP-Diskussion mischt sich auch der Leiter einer Generalagentur der Nürnberger Versicherung in Dresden ein. Er duzt Bachmann sogar. „Das wollen die Gutmenschen doch gar nicht mehr wissen Lutz. …dir auf den Kopf haun…darum geht’s doch in Wirklichkeit.“ Schließlich greift der Policenspezialist Jan Mücke frontal an: „Sie sind die einzige Schande. … nicht Pegida oder Herr Bachmann.“ Danach am Telefon befragt, sagt der Versicherungsvertreter nur: „Ihr verdreht doch eh alles. Einen schönen Tag noch.“

Der Mann ist auf Facebook mit Vicky und Lutz Bachmann, mit Siegfried Däbritz und 209 weiteren Personen befreundet, die wiederum Tausende Freunde haben. So rollt die Pegida-Lawine durchs Netz und durchs ganze Land, durch alle Schichten. Fast 76 000 Menschen haben inzwischen ihre Sympathien bekundet. Die Grünen hat Pegida damit längst überholt, bis zur SPD fehlt nicht mehr viel.

Lutz Bachmann fand die Facebook-Diskussion der Liberalen so interessant, dass er sich einloggte und FDP-Stadtrat Jens Genschmar, der Direktor des Dresdner Fußballmuseums ist, darum bat, „dieses grandiose Beispiel für den bedauerlichen Untergang der FDP“ zu veröffentlichen.“ Er habe zu diesem Zweck Screenshots gefertigt, „welche morgen thematisiert werden. Danke.“ Genschmar wollte sich dazu auf SZ-Anfrage nicht äußern, wies aber Gerüchte, Pegida-nah zu sein, explizit zurück.

Dieses „morgen“, das war der 8. Dezember. Rund 10 000 Menschen strömten an jenem Tag zur Pegida-Kundgebung. Berauscht vom Erfolg, gingen Bachmann, seine Frau und sein Freund Ingo Friedemann anschließend ein wenig ]feiern. Ins Milieu, dahin wo alles begann. In den Dunstkreis, in dem die ersten Pegida-Fans gewonnen wurden: Es ging ins „Klax“, Dresdens älteste Stripteasebar.

Mitarbeit: Peter Redlich und Andrea Schawe

Struktur im Chaos

So sorgt Ulrich Wolf für Orientierung in seinem Wuselbild: Er folgt der Chronologie und ordnet die Köpfe nach Gruppen. Illustration Brigitte Seibold (www.prozessbilder.de)

Struktur im Chaos schaffen

Ulrich Wolf und Kollegen zeigen ein Tableau mit zwei Dutzend Personen und mehr als hundert Einzelheiten. Mach das nie!, sagen Journalistenlehrer. Sie haben recht und nicht recht. Der Meister bricht die Regel. Der Schlüssel zur Entwicklung von Pegida sind Personen, ihre Zugehörigkeiten und Kommunikationswege. Es geht also nicht ohne sie.  Ulrich Wolf schafft Orientierung mit zwei Ordnungsprinzipien. Erstens: Durch das Bündeln der Protagonisten in Gruppen. Die Hälfte von ihnen sind mit Vor- und Nachnamen genannt, die anderen zumindest durch ihre Berufe oder Funktionen gekennzeichnet. Zweitens bleibt der Text in der Chronologie der Ereignisse. Der Chronologie kann man leicht folgen.

Zusammenhänge zeigen

Die Tiefenschärfe des Textes entsteht durch die Mini-Porträts, die kleinen Geschichten und Attribute, die jede der Personen charakterisieren. Dadurch, dass der Autor die Verbindungen aufzeigt: Wer wen kennt und woher? Was haben diese Menschen gemeinsam? Und zu welcher Gruppe oder welchen Gruppen gehören sie? Wolf entwickelt ein Soziogramm der Dresdner Pegida-Szene.

Gruppen bilden

Drei Gruppen beschreibt der Autor als Katalysatoren der Pegida-Entwicklung. Den engsten Freundeskreis um Lutz Bachmann. Außerdem Fans und Unterstützer des Football-Teams Suburbian Foxes aus Radebeul. Und drittens – als Steigerung gegen Ende des Artikels – den Zirkel um die Dresdener FDP. Die Gruppen werden plastisch, weil Urich Wolf jeweils drei bis fünf Mitglieder heranzoomt und seinen Lesern näher vorstellt. In Begriffen des Bildaufbaus könnte man sagen: Bachmann und sein Freundeskreis sind der Vordergrund, die Football-Freunde und der FDP-Kreis der Mittelgrund. Und dann gibt es noch einen blasser beschriebenen Hintergrund, Milieus, die bei Pegida noch vertreten sind: Leute aus der Szene der politischen Rechten sowie Verbands- und Vereinsvorsitzende, „versprengte AfDler“, die vermeintlich Honorigen.

Einzelne heranzoomen

Mit wenigen Strichen skizziert Wolf seine Protagonisten. Sie werden nahbar und lebendig durch sprechende Details: „erfolgreiche Halbprofi-Tänzerin“, zweifacher Familienvater“, „schwerer Motorradunfall“ „schlägt sich mit Hausmeisterjobs und Gastronomiebetreuung durch“. Die zahlreichen Kleinst-Porträts haben System: Wolf ordnet seine Figuren einer Gruppe zu, nennt das Alter, Stichworte zum beruflichen Hintergrund, gelegentlich auch zum Strafregister. Er zitiert sie gerne wörtlich, etwas mit einem Facebook-Eintrag wie „als deutscher brauchst du ein Visum, wenn du ins Freibad willst“. Und er stellt Bezüge zwischen den Akteuren dar. „Secty“ zum Beispiel „war bei Bachmanns standesamtlicher Hochzeit dabei, ist Motorradfreak und kandidierte 2009 als Stadtrat für die FDP“. So werden die Akteure gleichermaßen als Individuen wie als „Teil von“ kenntlich.

Einordnen

Der Autor unterbricht seine Mini-Porträts durch Absätze, in denen er zurücktritt, einordnet und resümiert. Da heißt es – nach der Vorstellungsrunde durch Bachmanns Freundeskreis: „Fünf an und für sich apolitische Bachmann-Freunde, mitten aus dem Leben, mit mehr oder minder großen Schwierigkeiten zurechtzukommen im Alltag. Mitnichten klassische Neonazis“. Die Rolle von Facebook betont Wolf im dritten Absatz: „Facebook ist wichtig. Ohne dieses soziale Netzwerk wäre der rasante Erfolg von Pegida nicht möglich gewesen“. Den Gedanken nimmt er im drittletzten Absatz wieder auf. „Der Mann (ein Versicherungsvertreter) ist auf Facebook mit Vicky und Lutz Bachmann, mit Siegfried Däbritz und 209 weiteren Personen befreundet. So rollt die Pegida-Lawine durchs Netz und durchs ganze Land, durch alle Schichten. Fast 76.000 Menschen haben inzwischen ihre Sympathien bekundet.“

Der Anfang

Der Text beginnt mit einem Schlüsselmoment, den Wolf szenisch rekonstruiert: Lutz Bachmann filmt eine Kundgebung, in der Waffenlieferungen an die kurdische PKK gefordert werden. Wolf kennzeichnet diese Szene als die „Geburtsminuten der Pegida-Bewegung“. Diese Minuten sind der Anfangspunkt der Chronologie.

Die Chronologie

Angefangen bei den „Geburtsminuten“ am 10. Oktober 2014 beschreibt Ulrich Wolf das kontinuierliche Anwachsen der Teilnehmerzahlen bei den Montags-Spaziergängen vom 20. Oktober (350), über 3. November (900) und 10. November (2000) endet mit der Nachfeier des Treffens vom 8. Dezember (10.000) in der Stripteasebar. Diese Steigerung bildet er einfach und schlüssig chronologisch ab.

Entwicklung und Spannung

Die Spannung im Text entsteht hier nicht durch die Frage „was geschah in Dresden?“ Das wissen Leser längst, wenn sie am 22. Dezember in die Zeitung schauen. Spannung entsteht durch die Frage „wie genau geschah das, was geschah?“, also durch die Frage nach Zusammenhang und Hintergrund.

Das Ende

Im ersten Satz des Textes spaziert Lutz Bachmann durch die Dresdner Innenstadt. Im letzten Absatz spazieren 10.000. Zum Ausklang geht der engste Freundeskreis in Person von Lutz Bachmann, seiner Frau Vicky und Freund Ingo – vorgestellt im ersten Viertel des Artikels – zum Feiern in die Stripteasebar. Der Schluss knüpft an das Vorwissen der Stammleser an. Sie haben schon drei Wochen zuvor erfahren, dass Lutz Bachmann dieses Milieu vertraut ist. Seine Frau, die Tänzerin, hat er in einem Nachtklub kennengelernt. Die Kunden seiner Werbeagentur verdienen ihr Geld z. B. mit einem Erotikklub, einer Tabledance-Bar und einem Bordell.

Die Regel und die Ausnahme

Die Regel für spannende Texte lautet: fokussieren, konzentrieren. Wenige Protagonisten. Wenige Zahlen. Spar dir Seitenstränge, vermeide überflüssige Details. Ulrich Wolf weiß das. Im Interview sagt er: „Am liebsten habe ich nur einen, maximal drei Protagonisten.“ Hier macht er es anders. In der Summe der Einzelheiten und Personen macht er sichtbar „wie alles begann“ und wie eine Handvoll Menschen innerhalb kürzester Zeit eine Masse auf die Beine bringen konnten. Ein schönes Beispiel dafür, dass auch das Gegenteil einer Regel bisweilen stimmt.

Autor

Ulrich Wolf und Kollegen

Foto: SZ-Thomas Lehmann

Ulrich Wolf, geboren 1964 in Geldern/ Niederrhein, ist Reporter der Seite Drei bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Nach dem Studium von Journalistik, Politik und Soziologie in Eichstätt,  Rio de Janeiro und Leipzig war er u. a. Nachrichtenredakteur beim MDR, Pressesprecher der Dresdner Bank für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und von 2000 bis 2011 Wirtschaftsredakteur bei der Sächsischen Zeitung.

Ein Gespräch mit Ulrich Wolf über Teamarbeit bei der Sächsischen Zeitung, über seine Dossiers und seine Büro-Tafel.

Marie Lampert: Wollen wir loslegen?

Ulrich Wolf: Ich möchte vorab sagen, dass ich schlecht drauf bin.

Warum?

Wir erreichen mit der Zeitung nicht die Leute, die wir erreichen wollen. Sie sehen ja, was auf den Straßen los ist. Da können Sie sich die Finger wund schreiben, in den Köpfen ändert sich nichts.

Respekt! Den Frust merkt man Ihrem Text nicht an. Ich habe darin vergebens nach Wertungen gesucht…

Ich gebe mir alle Mühe, Wertungen zu vermeiden. Meistens gelingt es mir. Es gibt aber schon den einen oder anderen Nebensatz, auf den ich besser hätte verzichten sollen.

Wie gelingt es Ihnen, wenn es gelingt?

Wie gesagt, es gelingt mir nicht immer, frei von Emotionen zu schreiben. Ich habe einen guten Chef. Der nimmt dann an der richtigen Stelle auch mal Emotionen raus. Oder er sagt, hier musst du emotional stärker werden. Oder empathischer, oder schön sachlich. Da hab ich Glück.

Zurück auf Los – wie organisieren Sie so eine komplexe Recherche? Es haben ja vier Kollegen mitgearbeitet. Machen Sie ein Konzept, einen Rechercheplan?

In dem Fall hatte ich genug Hintergrund und wusste schon ziemlich genau, was wir brauchen. Man muss eine klare Strategie haben, wo es hingehen soll. Wobei – falls das Konzept nicht aufgeht, gibt es auch mal keinen Text.

Wie sah Ihre Arbeitsteilung aus?

Alexander Schneider ist unser Polizei- und Gerichtsreporter, der über sehr gute Kontakte in die Ermittlungsbehörden und die Gerichtsbehörden verfügt. Tobias Wolf, mit dem ich weder verschwägert oder verwandt bin, ist ein junger Kollege aus der Stadtredaktion Dresden, ein richtiger Wühler. Peter Redlich und Andrea Schawe haben in Meißen und Freital recherchiert. Die haben da bessere Kontakte als wir aus der Dresdner Redaktion.

Sie sagen dann zum Beispiel zu Tobias Wolf: Finde mal raus, wie das ist bei den Suburbian Foxes, guck mal, wer da alles dazugehört?

Genau, das ist Teamarbeit. Das wird abgesprochen mit den entsprechenden Ressortleitern, in dem Fall der Chefin von Tobias Wolf und der von Alexander Schneider, denn beide haben natürlich parallel ihre Jobs in ihren Redaktionen. Das funktioniert gut.

Und Sie schreiben alles zusammen?

Genau. Ich hab dann meine Recherche plus die der Kollegen. Mein Job ist, die Infostränge zu einem Gesamtwerk zu komponieren, das sich nachher wie aus einem Guss liest. Die Kollegen gucken dann noch mal, ob sie mit dem Text leben können, vielleicht gibt es noch die eine oder andere Korrektur, und dann ist gut. Und wer mit dem Text die meiste Arbeit hatte, dessen Name kommt vorne hin. Das war diesmal ich. Bei der Geschichte über Lutz Bachmann „Pegida persönlich“ war das Alex Schneider, da stand ich an zweiter Stelle.

Über welchen Zeitraum lief Ihre Recherche?

Für so eine Geschichte brauchen wir eineinhalb Wochen.

In diesem Text stecken extrem viele Details, und fast alle hängen an Personen.

Sie werden da mit sehr vielen Namen konfrontiert, das ist sonst nicht unbedingt meine Art. Viele Namen erschweren die Lesbarkeit eines Textes. Am liebsten hab ich nur einen, maximal drei Protagonisten. Aber in dem Fall kommt man daran nicht vorbei, da muss man den Lesern auch mal schwereren Stoff zumuten.

Sie zoomen aus Tausenden Pegida-Anhängern zwei Dutzend zentrale Figuren heran. Die Hälfte von ihnen haben Vor- und Zunamen, ein Vorleben, Beziehungen, Leidenschaften – wie haben Sie diese unglaubliche Fülle von Einzelheiten verwaltet?

Diese zentralen Figuren sind ja weitgehend identisch mit dem Organisationsteam der Pegida, nicht irgendwelche Anhänger. Da alle Pegida-Geschichten justiziabel sein müssen, habe ich mir angewöhnt, zusätzliche Dossiers zu erstellen. Da ist jedes wie eine kleine Diplomarbeit mit Fußnoten und Quellenangaben, damit ich entsprechend vorbereitet bin, wenn ich damit zu unserem Anwalt gehe. Das ist natürlich ein ungeheurer Aufwand, den wir nicht bei jeder Seite Drei machen, der hier aber unumgänglich ist.

Der Journalist als Buchhalter…

Und? Wo ist das Problem? Dieses Dossier ist eine Materialsammlung. Ich habe (tiefer Seufzer) mehrere hundert Stunden bei Facebook zugebracht. Das ist zwar alles nicht justiziabel, weil man ja nicht weiß, wer unter welchem Namen postet, aber es gibt Indizien. Die Bewegung organisiert sich ja zu 90% über Facebook. Dem kann man nachfolgen und stößt dann mal zufällig, mal nach gezielter Suche auf Diskussionen wie die im FDP-Stadtverband. Das muss man sich dann näher angucken.

Sie malen mit Worten – ein Wuselbild aus lauter Leuten, an denen wiederum kleine Geschichten hängen. Hatten Sie diese Form im Kopf, bevor Sie geschrieben haben?

Ehrlich gesagt, weiß ich vorher nicht genau, wie die Form aussieht. Das entwickelt sich.

Sie fangen Ihre Texte aber vorne an?

Wenn ich mein Material beieinander habe, mach ich als erstes die Überschrift und den Vorspann. Das sind meine Leitplanken. Kann sein, dass ich das später noch mal ändere. Und dann schreib ich los … beziehungsweise … ich mache erst mal die Augen zu und versuche einfach, die Geschichte meiner Mutter zu erzählen. In Gedanken. Dann schreib ich los. Und wenn ich irgendwo steckenbleibe, geh ich raus, eine Zigarette rauchen, und dann geht es weiter. Das Schreiben einer Seite Drei dauert einen Tag, dann ist mal eine Version fertig. Das Grundgerüst steht.

Ihr Text kommt mir vor wie ein Tafelbild eines alten Meisters, sagen wir Breughel. Auf mittlere Distanz wimmelt es von Menschen. Wenn ich nah dran gehe, sehe ich winzige Details. Trete ich zurück, sehe ich die ganze Landschaft.

Sie müssen wissen, dass ich hier im Büro tatsächlich mit einer Tafel arbeite! Wie beim Tatort, wie bei einem Krimi.

Erzählen Sie mehr von Ihrer Tafel.

Die ist ein Meter zwanzig mal zwei Meter, da hängen die Fotos der Personen dran. Die Facebook-Profile druck ich mir als Foto aus, und dann ein paar Namen dazu, Verbindungen, wie man das aus dem Krimi kennt. Und diese Tafel guck ich auch immer wieder mal an, wenn ich schreibe. Ich versuche, die Struktur der Pegida auf dieser Tafel zu visualisieren. Gelegentlich ändert die sich auch. Das mach ich immer bei komplexen Seite-Drei-Geschichten. Das hab ich auch gemacht, nachdem sehr wahrscheinlich Frau Zschäpe in Zwickau die Bombe hat hochgehen lassen, als wir in Sachsen recherchiert haben, wo denn eventuell mutmaßliche Unterstützter vom NSU-Trio sind. Wir waren mit die ersten, die Matthias D. hatten, wir waren mit die ersten, die André E. hatten. Wenn es ganz komplexe Strukturen sind, muss ich das visualisieren.

So machen Sie sich klar, was wie zusammenhängt?

Ich kann es nicht anders. Als ich von der Wirtschaft zur Seite drei gewechselt bin, war das einer meiner ersten Wünsche an meinen Chef, dass ich so eine Tafel kriege.

Sie können es nicht anders?

Ich bin keine Edelfeder. Wenn ich die Aufgabe bekäme, das Schweigen der Pegida-Demonstranten zu beschreiben, täte ich mich schwer. Das ist nicht meine Stärke. Es gibt eine Kollegin, die das kann. Meine Stärke ist das Wühlen, das Auffinden komplexer Zusammenhänge, und die will ich dann möglichst den Lesern deutlich machen.

Sie sagten, Sie seien schlecht drauf. Wie schaffen Sie es – bei all Ihrem Frust über die politische Entwicklung und die vermeintliche Wirkungslosigkeit Ihrer Artikel – so handwerklich sorgfältig und klar in der Haltung zu arbeiten?

Ich habe einen guten Arbeitgeber, tolle Kollegen. Ich bin überzeugter Demokrat, ohne dabei kritiklos zu sein. Meine kleinste Tochter (sechs) bringt mich zum Lachen, meine Frau nimmt mich in den Arm. Und einmal im Jahr packe ich meinen Rucksack und bin für zwei, drei Wochen allein unterwegs. Von Dresden bis Santiago de Compostella habe ich es schon geschafft, seit zwei Jahren laufe ich die Strecke von Canterbury nach Rom. Das sind meine Tankstellen.