Praxisbeispiel Folge 40
Die Fahrradkette

Matthias Maruhn kapert die Phantasie seiner Leser und zwingt sie, sich seltsame Dinge vorzustellen. Später belohnt er sie dafür.

Neue Ruhr/ Neue Rhein Zeitung, 8. Oktober 2015

Mit dem Rad nach Garmisch

Von Matthias Maruhn

Stellen Sie sich das mal vor : Sie nehmen ein Fahrrad und stellen es in Duisburgs Stadtmitte hin, dann stellen Sie das nächste Fahrrad längs davor, wieder eins, und so weiter und so weiter . Nach ein paar Monaten stellen Sie das letzte Rad in die Reihe, irgendwo bei Garmisch-Partenkirchen. Dann haben Sie auf eindrucksvolle Weise eine Statistik greifbar gemacht: Etwa 340 000 Fahrräder werden jedes Jahr in Deutschland gestohlen. Und da die Aufklärungsquote unter zehn Prozent liegt, heißt das meist: auf Nimmerwiedersehen.

Es sei denn, es sind ein scharfäugiger Polizist und ein Holzkopf (heute eher Vollpfosten genannt) im Spiel. Dem Beamten fiel auf dem Weg zur Arbeit im Zug ein junger Mann auf, der ein Fahrrad dabei hatte. Beim zweiten Blick kam ihm das Vorderrad bekannt vor, beim dritten war er sich sicher. Anruf bei den Kollegen, Festnahme am nächsten Bahnhof, Anzeige.

Der Depp und Dieb hatte drei Tage zuvor am Bahnhof ein Bike mit Hinterrad gestohlen, dann das Vorderrad des Polizistenrades abmontiert und beides zu einem Neufahrzeug zusammengebastelt. Um sich dann unbekümmert in den Pendlerzug zu setzen.

Das Ereignis pudert die Statistik — und freut den Polizisten. Schwacher Trost für die 90 Prozent weiterhin Radsuchenden: früher wurden noch viel mehr Räder gestohlen. 80er-, 90er-Jahre, da hätte die Reihe locker bis hinter Mailand gereicht.

Das Spiel mit der Nachricht

Matthias Maruhn erzählt in jedem Absatz eine Gewschichte. Er reiht sie entgegen dem Uhrzeigersinn: Die Leserin baut eine Fahrradkette von Duisburg Mitte nach Garmisch-Partenkirchen. Der Polizist entdeckt sein Vorderrad im Zug. Der Fahrraddieb auf frischer Tat. Die Fahhradkette reicht bis hinter Mailand. Illustration Brigitte Seibold (www.prozessbilder.de)

Die Meldung

Wer macht mal schnell das Extra Drei? Matthias Maruhn isses. In den Polizeimeldungen der dpa-Tochter ots wird er fündig. Ein Polizist entdeckte drei Tage nach dem Diebstahl seines Vorderrades eben dieses Vorderrad im Pendlerzug. Neu montiert. Inklusive Neubesitzer. Die Meldung ist zu kurz für ein Extra Drei. Aber ausbaufähig.

Den Leser kapern und überraschen

„Stellen Sie sich das mal vor“. Bevor man etwas einwenden kann, hat man sich schon vorgestellt, wie man das Fahrrad da in Duisburg Stadtmitte hinstellt. Man kann ja nicht nicht an einen rosa Elefanten denken. Und deshalb kann man sich auch nicht vorstellen, kein Fahrrad in Duisburg Stadtmitte hinzustellen. Und dann wird es immer schlimmer, man müht sich ab mit all den Fahrrädern, hängt fest in der blöden Fahrrad-Kette und erfährt erst in Garmisch, was der Quatsch sollte. Wunderbare Überraschung, in der vermeintlich blödsinnigen und anstrengenden Aktion einen tiefen Sinn zu entdecken. Ach so! Ich soll mir das bildhaft vorstellen! Sooooooo viele Fahrräder werden jedes Jahr in Deutschland gestohlen.

Der Bauplan

Brigitte Seibold hat die Szenarien aufgemalt. Maruhn (der Mann rechts) spricht seine Leserin direkt an. Er drückt ihr ein Fahrrad in die Hand und stellt ihr eine Aufgabe: Stell es in Duisburg Mitte hin! Und schon ist sie im Fahrräder-Hinstellen-Spiel gefangen. Szene zwei – entsprechend Absatz zwei – zeigt den Polizisten, der im Pendlerzug sein Fahrrad entdeckt. Szene drei – Absatz drei – zeigt den Fahrraddiebstahl. Und Szene vier führt zurück in die 80er Jahre und „hinter Mailand“.

Das Gewebe der Glosse

Studiert man das Gewebe der Glosse unterm Mikroskop, treten vier Handlungsstränge oder Ministorys deutlich hervor. Jede der Storys hat eine handelnde Figur, einen Helden oder eine Heldin. Der Held hat Eigenschaften und Ziele. Den Zielen versucht er näher zu kommen, in dem er handelt. Eine Handlung ist – streng nach Aristoteles – immer eine Sequenz aus Anfang, Mitte und Ende. In der Tabelle sind diese vier Ministorys aufgedröselt.

Matthias Maruhn baut vier Storys zu einer Glose zusammen

Charakter und Wandel des Helden

Ein toller Held im Sinne der Dramaturgie hat Eigenschaften. Ein einziges Merkmal kann ihn schon charakterisieren: Er ist zum Beispiel holzköpfig oder scharfäugig. Auch die Ziele charakterisieren den Helden. Er will zum Beispiel ein Fahrrad stehlen oder sein Vorderrad wiederkriegen. Und noch was. Ein toller Held im Sinne der Story wandelt sich. Das ist hier nicht auserzählt. Aber der Leser wird es sich ohnehin ausmalen: Der Polizist wandelt sich vom wütenden in einen triumphierenden Helden. Und aus seinem dreist-unbekümmerten Gegenspieler wird eine bedröppelte Figur.

Die Pointe

Matthias Maruhn schlägt den Bogen zurück zum Anfang zum Fahrräder-Hinstellen-Spiel. Und wartet mit einer weiteren Überraschung auf. „Bis hinter Mailand“? Das heißt, dass früher alles schlimmer war. Jedenfalls mit dem Fahrradklau. Hätte man doch nicht gedacht.

Die Vorlage plus

Maruhn baut seine Glosse um eine Meldung, die er um Diebstahlstatistik und Aufklärungsquote ergänzt. Er nennt die Zahl von heute (340.000 Diebstähle) in und kontrastiert sie mit der Zahl aus den 80er-und 90er-Jahren, die er nicht beziffert, sondern nur ins Bild setzt „bis hinter Mailand“. Die Absätze zwei und drei enthalten einige, nicht alle Informationen aus der Polizeimeldung vom 7. Oktober 2015. Was Maruhn weggelassen hat, erzählt er im Making of. Man kann sagen: Glosse = Meldung plus Statistik plus Rechenexempel plus blühende Phantasie.

Autor

Matthias Maruhn

Bernd Lauter/WAZ FotoPool

Matthias Maruhn wurde am 27. 4. 1957 in Essen geboren, da lebt er immer noch. Verheiratet, zwei erwachsene Töchter. Einstieg in den Beruf 1975 bei der WAZ, Velberter Zeitung, später Pauschalist in der Lokalredaktion Heiligenhaus. 1985 Wechsel  zur Neuen Ruhr/Rhein Zeitung, zunächst Volontariat, ab 1987 Redakteur für Neukirchen-Vluyn am Niederrhein. 1988 Wechsel in die Mantelredaktion der NRZ in Essen. Seit den frühen 90er Jahren Reportagen aus Bosnien, Kroatien, Serbien, Kosovo, Irak, Jordanien, Ruanda, Tschad, Malawi, Uganda, Ukraine, Sudan, Afghanistan, Haiti, Israel,  Indien, Sri Lanka uvm.

Das Spiel mit der Nachricht

Matthias Maruhn im Gespräch mit Marie Lampert

Herr Maruhn, wie lang ist Ihr Fahrrad?

Ungefähr 2,10 Meter.

Meins ist nur 1,80.

Die normale Herrenradgröße ist um zwei Meter rum. Deswegen hab ich mit zwei Metern gerechnet. Mit glatt zwei Metern ging das einfach. Die meisten Journalisten können ja nicht rechnen, da gehör ich auch zu.

Sind Sie mit dem Zollstock ans Fahrrad gegangen?

Nein, ich hab gegoogelt. Der Durchschnitt liegt zwischen 1,80 und 2,10 Meter.

Warum mussten Sie überhaupt so viel rechnen?

Wir haben auf der Seite Drei eine tägliche Glosse, das sogenannte Extra Drei. An dem Tag war es schon spät, da sagt jemand, wir haben noch kein Extra Drei.

Oh Schreck.

Ich hab durch die Polizeimeldungen geguckt und die Meldung vom Fahrraddiebstahl gefunden. Fand ich jetzt keinen Schenkelklopfer, aber doch leicht bizarr. Jemand klaut dir das Vorderrad und sitzt dir drei Tage später im Zug gegenüber.

Das ist noch keine Glosse.

Eben. Die Meldung war einfach zu kurz. Ich kann ja nicht nur schreiben: Hahaha, der Dieb wird abgeführt. Ich versuche häufiger, Dinge zu errechnen. Ich hab schon mal ausgerechnet, wieviel Liter Kaffee ich in meinem Leben schon getrunken habe. Hochgerechnet auf fast 50 Jahre, drei Tassen am Tag. Das ist beeindruckend. Da ist es gut, wenn man ein gewisses Lebensalter hat. Man kann abseitig auf ein Thema blicken, und dann hochrechnen.

Sie waren unter Zeitdruck. Wie schnell waren Sie?

Ich hab 10 Minuten im Material gesucht, dann 10 bis 15 Minuten gerechnet und bei Google Maps gekuckt: wo kommst mit dem Radius ungefähr hin. Mit Schreiben brauchte ich für den Text 45 Minuten bis eine Stunde. Schreiben geht ja ganz schnell. Man muss sich nur erst mal die ganzen Fakten zurechtlegen.

Haben Sie für das Schnellschreiben eine Strategie?

Man schreibt sicher die besseren Glossen, wenn man sich den Anfang zurecht legt und auch schon weiß, wohin man am Schluss will. Wenn man keinen Abschlussgag hat, und hat noch vier Zeilen übrig, dann kann das dauern. Deswegen lege ich mir den Schluss schon am Anfang zurecht.

Sie steigen sehr direkt ein, mit „Stellen Sie sich das mal vor“.

Ich muss ja irgendwie in die Geschichte kommen. Manchmal mach ich das so, als ob ich die einem Gegenüber erzählen würde. Ich hätte jetzt auch „Höma“ sagen können. Aber das wäre für die Zeitung nicht passend. Also sag ich „Lieber Leser“.

Nochmal zu Ihrer Meldung. Der Vorfall spielt in Biberach und Offenburg. Sie verschweigen das. Ist das erlaubt?

Ich glaub ja. Es ist egal, wo das war. Es ist ja keine Nachricht. Es ist ein Spiel mit einer Nachricht. Die Nachricht ist mir heilig. Aber in dem Fall kann man das fallen lassen.

Ihr Polizist guckt zweimal, guckt dreimal, ruft dann die Kollegen an. Aus der Meldung geht das nicht hervor!

Das hab ich mir komplett ausgedacht, ja. Find ich auch nicht schlimm.

Worum geht es beim Schreiben einer Glosse?

Der schönste Fall ist eigentlich, wenn ein Paar am Frühstückstisch sitzt und dann liest er ihr das vor, oder umgekehrt. Und beide schmunzeln. Das ist der Idealfall. Dann hat man ne schöne Glosse geschrieben.