Erweckung

Ich hatte nicht gewusst, dass ich mich für Hyänen interessiere, bis ich das Hörfunk-Feature von Peter Leonhard Braun gehört hatte: „Hyänen“. Ich hatte nicht geahnt, dass Kirchenglocken einmal die Funktion von Handys erfüllt haben, bis ich die Sendung „Glocken in Europa“ kannte. Mein Erweckungs-Erlebnis ereignete sich in Bamberg im Wintersemester 1984/85 in der Übung „Das Hörfunk-Feature“. Seitdem frage ich mich, wie das geht: jemandem ein Thema nahezubringen, von dem er keinen Schimmer hat. Etwas interessant und relevant zu machen über die Form, über Worte und Töne. In meinem letzten Studiensemester hatte ich nicht nur das Radio entdeckt, sondern auch meinen Berufswunsch gefunden.

Lausch-Rausch

Zwei Aspekte des Features faszinierten mich besonders. Walter von La Roche sagte, es gehe dabei um das Gestalten eines an sich undramatischen Stoffes. Eine BBC-Definition sagte: das Feature kann journalistische und künstlerische Elemente miteinander verbinden. Ich wurde öffentlich-rechtliche Volontärin und experimentierte mit Formen. Wie konnte ich ein undramatisches Thema zum Leben erwecken? Mit Perspektiven, Klangebenen, Stimmen, Geräuschen, Mono, Stereo. Mit einer erzählenden Struktur. Mit der Stimme der Erzählerin.

Mach mal

Jahre später war ich Studienleiterin der Evangelischen Medienakademie in Frankfurt. Mein Radio-Kollege Helge Heynold, Schauspieler und Regisseur, fand, ich solle mal einen Erzählkurs anbieten. Autoren müssten besser erzählen lernen. Neue Forschungsfrage: wie lehrt man erzählen? Der Kurs hieß dann „Erzählen im Journalismus“, stand von 1993 bis 2000 jedes Jahr im Programm und wurde bestritten von Helge Heynold, eben jenem Kollegen und mir.

Für die Schublade

Wir hatten Antworten gefunden. 1999 spendierte mir meine Arbeitgeberin drei Wochen Schreibzeit. Es entstand ein Manuskript, das „Erzählen im Journalismus“ hieß, 30 Seiten umfasste und in einer Schriftenreihe der Medienakademie erscheinen sollte. Das tat es dann nicht, weil die Akademie mit Umstrukturierung, Standortwechsel und kommissarischer Leitung andere Sorgen hatte. Das Manuskript wanderte in die Schublade und ich in die Selbstständigkeit.

Und was machen Sie so?

2001 telefonierte ich recherchehalber mit der Leiterin der Schweizer Journalistenschule in Luzern. Sie fragte beiläufig nach meinem Profil und verwies mich dann an ihren Studienleiter Rolf Wespe. Der suchte grade jemanden, der in seinem Diplomstudiengang Journalismus „Erzählen“ unterrichten konnte. Seit 2002 läuft in Luzern der Kurs „Storytelling. Vom Anfang, der Mitte und dem Ende“. Rolf war zu der Zeit der einzige Kollege, mit dem ich über Textdramaturgie und – man höre und staune – Kursdidaktik fachsimpeln konnte. Als der Journalistik-Professsor Michael Haller 2007 einen Kongress „Storytelling“ abhielt, entschieden wir, den Kurs umzubenennen. Er hieß jetzt auch so.

Von Konstanz nach Köln

Im selben Jahr – 2007 – schrieb ich eine Werkstatt für den Oberauer Verlag „Storytelling. Die klassische Schule des Erzählens“. Ich hatte mich inzwischen entschieden, das Erzählen zum Schwerpunkt meiner Arbeit zu machen. Da kam ein Brieflein vom Lektor des Fachverlags UVK, Rüdiger Steiner. Ob ich ein Buch schreiben wolle? Die Datei war noch in der Schublade. Der Co-Autor stand bereit. „Storytelling für Journalisten“ erschien 2011. Die nächsten Auflagen erschienen 2012 und 2013. Als wir das Buch für die vierte Auflage überarbeitet und schon der Grafik übergeben hatten, kam ein Brief von UVK: sie hatten unser Buch und ihre gesamte journalistische Reihe verkauft. Unser Verlag heißt jetzt van Halem. Im September 2017 soll die vierte Auflage da sein.