Wieso ist das ein guter Text?

Wie macht er das? Die Praxisbeispiele auf dieser Homepage zeigen die Vielfalt des Handwerks. Charakteristische Merkmale erzählender Texte sind nach Schlagworten sortiert und den Beispielen zugewiesen. In der Analyseebene der Folgen sind die jeweiligen Aspekte besprochen. Handwerk zum Nachschlagen.

Eine Geschichte braucht einen Helden, eine Heldin

Die Hauptfigur in der Disziplin des Storytelling heißt Heldin, unabhängig davon, wie heldenhaft sie sich benimmt. Ihre Merkmale: Sie verfolgt ein Ziel. Und sie hat Eigenschaften.

Lena ist so eine Heldin. Sie ist verliebt. Aber soll sie den illegal in die Schweiz eingereisten Mamour heiraten? Folge 37

Betty ist 73, behindert und Jungfrau. Das soll so nicht bleiben. Folge 30

Jonas ist pädophil. Er sucht Hilfe in einer Therapiegruppe an der Charité. Folge 34

Eine Geschichte braucht eine Handlung

Wo keine Handlung, da keine Story. Der einfachste Test, um festzustellen, ob da eine Handlung ist, ist die Frage: Gibt es in meinem Text/ meinem Beitrag ein Vorher-Nachher? Verändert sich irgendwas oder irgendwer? Das Vorher-Nachher kann unspektakulär ausfallen. Oder dramatisch.

EIn altes Paar zieht in ein Pflegeheim und richtet sich dort ein. Die Tochter besucht ihre Eltern. Folge 25

Der Fahrer macht sich mit dem Unimog vertraut, mit dem er im nächsten Winter die Straßen räumen wird. Folge 7

Eine Frau weiß von ihrer genetischen Vorbelastung für Brustkrebs. Sie macht sich auf den Weg, ihr Risiko abzuklären und trifft eine Entscheidung. Folge 21

Ein beklauter Fahrradbesitzer findet sein Vorderrad und kriegt es zurück. Folge 40

Ein Bürger der Stadt Hannover freundet sich mit einem finstren Bauwerk an. Folge 39

Eine Lehrerin überwindet ihren Zweifel und heiratet einen Illegalen aus dem Senegal. Folge 37

Eine Geschichte hat immer einen Ort

Das, was sich ereignet, hat einen Schauplatz. Eine Bühne. Manchmal macht der Schauplatz ein Geschehen atmosphärisch dicht. Bestenfalls weckt er Assoziationen und Erinnerungen. Das ist dann super. Dann findet nämlich die Handlung im Hirn des Publikums statt. Der Ort ist ein unterschätzter Aspekt beim Schreiben.

Das Bierstüble in Schollach ist so ein plastischer Ort. Das Vereinslokal der Männer von der „Harmonie“. Folge 36

Oder der Hobbyraum im Einfamilienhaus, in dem Frau Schmidt ihre Sparkassen-Öffnungszeiten hält. Folge 29

Ein besonderer Ort ist der Wald, in dem Burkhard Bräuning dem Nikolaus begegnet ist, der nun aber von noch mehr Windrädern umstellt werden soll. Folge 24

Der Schrottplatz ist ein Schauplatz, der für sich schon Geschichten erzählt. Folge 42

Die Heldenreise als Erzählmuster

Das Erzählmuster der Heldenreise wirkt mächtig, selbst da, wo es unbewusst gestaltet wird.

Das ist so in der Geschichte des Asylbewerber Hassan Hussein. Er wird geehrt, weil er einen Handtaschenräuber gestellt hat. Folge 9

Und auch in der Erzählung des Südtirolers Dietmar Telser, der sich einbürgern lässt, wirkt seine Kraft:  „Wie ich einmal Deutscher wurde“. Folge 28

EIne Heldenreise absolviert auch Lena aus Bern, die sich mit der Frage quält, ob sie  „ja“ sagen soll – vor dem Standesamt. Folge 37

Emilia Smechowski erzählt auch eine Heldenreise, die Geschichte einer Aus- und Einwanderung Folge 41

 

Das Abstrakte konkret machen

Erzählen lebt von Bildern. Bildern entstehen nur über konkrete Begriffe. Niemand sieht etwas bei dem Begriff „Energiefrage“. Das ist anders, wenn von einem Abendessen bei vier Kerzen die Rede ist. Gute Texte können durchaus Abstraktes und Komplexes verhandeln. Ohne Konkreta kommen sie niemals aus. Das Instrument, das hilft, Abstraktes konkret zu fassen, ist die Leiter der Erzählerin. Wie, das zeigen die folgenden Textbeispiele, die Leitern sind jeweils auf der Analyseebene aufgemalt.

Amtsgericht, Gerechtigkeit? Super anschaulich  bei Sina Wilke. Folge 44

Die Energiefrage fürs Lokale umsetzen? Marcel Huwyler schafft das in „Stromlos glücklich“. Folge 11

Der Strukturwandel im ländlichen Raum? Wird sichtbar im Hobbyraum der Familie Schmidt in Ochsenbach. Frau Schmidt hat dort nämlich die Sparkasse. Folge 29

Stil, ach, der Stil

Schöne Sprache. Genaue Sprache. Wie wunderbar. Texte und Bilder an der Grenze zur Literatur.

Ein umstrittener Text. Ist das Journalismus? Das sind so Fragen, wenn man einen Dichter/Schriftsteller auf die Baustelle schickt. (Ob das Journalismus ist, ist sowas von egal.) Folge 39

Kein Grund zur Herablassung. Keine Spur von Kitsch. Eine junge Frau zeigt ihre Achtung vor dem Zarten im Mann. Im recht betagten Mann. Folge 36

Sprache macht die Tonalität. Die leise Ironie eines Helden, der von seiner Einbürgerung erzählt… Folge 28

Mein allerliebster Einstieg. Schlichter geht es nicht und schöner auch nicht. Folge 25

Falls irgendwer sich weiter an dem Thema delektieren will. Das ultimative Buch dazu ist natürlich nicht  von Wolf Schneider, sondern von Constantin Seibt: „Deadline. Wie man besser schreibt“

Bauplan: immer der Reihe nach

Wo es eine Handlung gibt, gibt es auch eine Chronologie. Der Text kann ihr folgen, muss er aber nicht. Wenn die Story komplex bis verwirrend ist, ist Chronologie oft eine feine Lösung.

So wie in Ulrich Wolfs  – „Pegida – wie alles begann“. 30 Figuren bevölkern den Text. Wolf bringt sie super auf die Reihe. Auch dank seiner Chronologie. Folge 35

Bettys erstes Mal. Eine  ältere Dame auf einem Workshop für auszubildende Sexualbegleiter. Wow. Eins nach dem andern. Folge 30

EIn Südtiroler beantragt einen deutschen Pass. Wie die Mühlen der Verwaltung mahlen. Eine Station nach der anderen. In der Summe eine Heldenreise. Folge 28

Bauplan: die Chronologie aufbrechen

Eine chronologische Erzählung kann ein bisschen langweilig sein: und dann, und dann, und dann. Mann kann sie aufbrechen. Von hinten erzählen. Das Ergebnis einer Entwicklung vorwegnehmen. Ist das dann unspannend? Nööö. Die Frage vom Ende her ist ja genauso interessant: Wie konnte es dazu/ soweit kommen?

Wie konnte es kommen, dass eine Frau, die eigentlich in Folge ihrer Krebstherapie unfruchtbar hätte werden müssen, zwei Kinder bekommen hat? „Schwanger trotz Chemotherapie“ Folge 38

Wie konnte es kommen, dass ein Mann ein isoliertes und eigenbrötlerisches Leben führte, dann aber sein Vermögen von 4 Millionen per Testament mehreren karitativen Einrichtungen vermachte? Tobias Großekemper beginnt „Zimmermanns zwei Seiten“ mit dem Anfang und bündelt dann Themen. Folge 13

Wie und wieso adoptiert ein Polizist zwei Jungen, deren Väter im Knast sitzen, weil sie deren Mütter ermordet haben? Die wunderbare Geschichte von Tobias Schulz steht nicht hier, aber anderswo: „Die Polizei, dein Freund und Vater“. Die Analyse zum Aufbau, zum Spannungsaufbau, zum Bauplan finden Sie in der Werkstatt Spannung.

Bauplan: Rahmenhandlung

Vorne wie hinten. Hinten wie vorne. Zurück zum Anfang. Wird gerne gemacht, ist manchmal bemüht, manchmal elegant oder gar rührend.

Zum Beispiel in „Schwanger trotz Chemotherapie“. Es geht los mit einem Familienfoto. den Eltern und zwei Kindern. Schließt mit einem Telefonat: Das Kind ist da. Folge 38

Die Häkelhelden, nun ja, sie häkeln. Am Am Einstieg eines Textes, und am Schluss. Folge 18

Bauplan: Parallelgeschichte

Zwei Handlungsstränge, die parallel laufen – oder aufeinander zu. Die Spannung und Dynamik des Textes entsteht aus der Differenz oder den Kontrasten bei der Stränge.

„Der goldene Stein“ erzählt vom Verlegen eines Stolpersteins, Anja Reich führt zwei Erzählstränge  zu einem magischen Moment zusammen. Folge 17 

Dominik Galliker beschreibt in „Mamour mon amour“  wie seine Heldin ihren Zweifel überwindet und schneidet Szenen vom Hochzeitstag gegen die Rückblenden, in denen er die Zeit vom Kennenlernen bis zum Hochzeitstag nacherzählt. Folge 37

Literarische Genres als Blaupause

Ralf Wiegand baut seinen Kommentar zur Fußball-Personalie auf einem Märchen auf. Folge 19

Marc Widmann findet eine veritable Tragödie im Aufstieg und Fall des Ex-Finanzministers Ingolf Deubel und baut sie wie ein antikes Drama. Folge 15

Jens Schneider zieht gleich drei Register: Märchen, Drama, Krimi. Er erzählt von zwei Künstlern und ihrem Kunst-Imbiss. Folge 8

Wolfgang Maruhn schreibt seinen Lesern einen Kurzkrimi auf. Folge 40

Erzählen in verschiedenen Genres

Erzählen geht in allen journalistischen Genres (am wenigsten noch in der Nachricht), neigt aber auch dazu, Grenzen zu sprengen. Viele Autoren, befragt, welcher journalistischen Form ihre Artikel zuzurechnen sind, sagen: Oh, darüber hab ich mir gar keine Gedanken gemacht.

Burkhart Bräunlein bringt Leitartikel, Essay, Liebeserklärung und Nikolauslegende in einem Artikel unter. Folge 24

Emilia Smechowski erhält einen Preis für ihren Essay, der die Migration/Heldenreise ihrer polnischen Familie erzählt. Folge 41

Das Bäckereisterben in Sachsen-Anhalt, so vom Branchenband verkündet, beantwortet die Magdeburger Volksstimme mit einem Feature, das zwei Geschichten verknüpft. Folge 27

Eine Reportage sollte immer erzählen. So wie im Artikel über Frau Schmidt, die in Ochsenbach die Sparkasse hat. Folge 29

Oder die Reportage über die Heimatlosen, die die Schließung eines Kaufhauses hinterlässt. Folge 12

Eine Glosse, kicher, sollte sowieso erzählen. Folge 40

Der Kommentar zu einer Fußball-Personalie lässt sich sogar als Märchen erzählen. Folge 19 

Die Stimme der Erzählerin mit "ICH"

„Ich“ ist am Platz, wenn es den Text stärker macht. Wenn es Authentizität vermittelt, wenn die Autorin/ der Autor die Geschichte verkörpern.

So wie im Text von Emilia Smechowski, die am Beispiel ihrer Familie zeigt, wie polnische Einwanderer sich unsichtbar machen – und von ihrem Ringen um Identität und Zugehörigkeit erzählt. Folge 41

Oder bei Heike Faller, die ihren pädophilen Protagonisten Jonas zwei Jahre nach seiner Therapie noch einmal trifft – nach seinem Rückfall. Und die ihre Rolle als Journalistin reflektiert.Folge 34

Oder in der Geschichte von Dietmar Telser, dem Italiener aus Südtirol, der gerne Deutscher werden wollte. Folge 28

Und ganz bestimmt in der Geschichte von Julia Pennigsdorf, die von ihrem Brustkrebsrisiko erzählt. Sehr persönlich, sehr informativ und in einem zart anrührenden Ton. Folge 21

Die Stimme des Erzähler ohne "ICH"

Die Spur des Erzählers haftet an der Geschichte wie die Spur der Töpferhand an der Tonschale. So sagt das Walter Benjamin. Man spürt die Erzählerln in der Tonalität, in der Sprache, dem Rhythmus, der Perspektive.

Benjamin Piel ist hingerissen von seiner 73jährigen Heldin. Diese Begeisterung haftet seiner Geschichte an. Folge 30

Oliver Schlicht flirtet mit seinen Lesern aus der Backstube heraus. Man glaubts nicht. Folge 27

Kathrin Haasis schreibt super trocken über die schwäbische Provinz. Das ist so lustig. Folge 29

Tobias Großekemper rekonstruiert das persönliche Drama eines Verstorbenen. Es rührt einen an. Natürlich nur, weil der Autor sich anrühren ließ. Folge 13

Geschichten auf wenig Platz

Manche sagen, zum Erzählen brauche man viel Platz. Eine Seite, besser eine Doppelseite. Das ist ein Gerücht. Beweise?

Eine Glosse, vier Geschichten auf nur 1430 Zeichen. Folge 40

Kommentar. EIn Fußball-Märchen mit 2900 Anschlägen. Folge 19

Eine Wissenschaftsgeschichte: 3800 Zeichen. Folge 38 

Die große Kunst: weglassen

Erzählen tut weh, denn Erzählen heißt weglassen. Liest man eine kristallklar erzählte Geschichte, lohnt es sich immer, zu fragen: Was hat die Autorin weggelassen? Der klare Fokus entsteht genau so.

In der Geschichte von Tobias Großekemper über den toten Herrn Zimmermann. Folge 13

Oder in der von Benjamin Piel über Betty, die mal Jungfrau war. Folge 30

Die Geschichte und das Porträt des Schotthändlers Willy Eimer lebt auch vom Weglassen. Folge 42

Und Dominik Galliker hätte über die Liebesgeschichte von Lena mit Mamour und Mamours Lebensweg sicher noch viel mehr schreiben können. Gut, dass nicht. Folge 37

Geschichten mit viel Personal

Faustregel: Je weniger Menschen, desto dichter die Geschichte. Wenn nun aber viele Menschen dazugehören, um ein Phänomen zu erklären, um einen Zusammenhang darzustellen? Dann ist es wesentlich, Orientierung im Gewusel zu schaffen. Den Lesern Orientierung zu geben.

Pegida – wie alles anfing ist so ein Text, indem gut zwei Dutzend Protagonisten auftreten. Toll aufgefädelt. Folge 35

Zwei Ebenen, 12 Figuren – die lassen sich als Haupt- und Nebenfiguren charakterisieren. In Folge 17

Ein Stammtisch, ein Tanzcafé: die braucht es, um das Drama zu zeigen, das das Schließen eines Kaufhauses bedeutet. 16 Akteure, feinstens beschrieben. Folge 12